Familie

Familienvermögen

Wie können wohlhabende Familien es vermeiden, ihr Geld in drei Generationen zu verlieren?

„Shirtsleeves to shirtsleeves in three generations.“ „From the stables to the stars and back to the stables in three generations.“ „Clogs to clogs in three generations.“

In diesen englischen Redewendungen findet sich die dritte Generation in „Hemdsärmeln“, „von den Sternen zurück in den Ställen“ oder in „Holzschuhen“ wieder. „Reichtum setzt sich nicht über drei Generationen fort“ – so lautet das chinesische Sprichwort „fu bu guo san dai“.

Versionen dieses Sprichworts existieren in verschiedenen Kulturen über die ganze Welt verteilt. Unumstritten sind diese Art Aussagen allerdings nicht; so wird ihnen vorgeworfen, dass sie empirisch nicht belegt und darüberhinaus despektierlich der dritten Generation gegenüber sind.

Ungeachtet der Frage, ob es sich bei diesen Sprichwörtern nun um einen Mythos oder aber die Realität handelt, wird man gleichwohl festhalten können, dass es für den Erhalt des Familienvermögens nicht allein ausreicht, die Fähigkeit zu besitzen, Vermögen zu erhalten bzw. zu mehren  oder ein Unternehmen erfolgreich zu führen. Es müssen darüberhinaus vielmehr eine Reihe von weiteren Herausforderungen gemeistert werden:

  • Eine Familie über Generationen zusammenhalten, gemeinsam Entscheidungen über das Vermögen treffen und Meinungsverschiedenheiten ausgleichen.
  • Die Möglichkeiten nutzen, die sich den jüngeren Generationen durch den Reichtum bieten, sodass sie ihren Leidenschaften nachgehen können und Ansporn erhalten, sich für den Erfolg der Familie einzusetzen.
  • Die jüngeren Generationen darauf vorbereiten, sich um das Familienvermögen zu kümmern und neue Wege für das Familienunternehmen zu ebnen. Jüngere Generationen wollen am liebsten einbezogen werden und lernen.

Die Entwicklung und Pflege familiärer Bindungen wird von Generation zu Generation komplexer. Insbesondere, wenn die Familie wächst und sich über verschiedene Orte verteilt.  

Was können Familien tun?

Untersuchungen wie die von Wise Counsel Research über 100 Jahre alte Familienunternehmen1 und die 2003 durchgeführte Studie von Williams und Preisser2 offenbaren einige Gemeinsamkeiten bewährter Praktiken. Wohlhabende Familien müssen gezielt und kommunikativ auf einen erfolgreichen Generationswechsel hinarbeiten. Wie die Ergebnisse zeigen, ist es ebenso entscheidend, sich mit den einzelnen Familienmitgliedern zu befassen und enge Beziehungen aufrecht zu erhalten, wie die Robustheit und der Erfolg des Unternehmens.

Über das Vermögen zu reden und eine gemeinsame Vision und gemeinsame Ziele für die Zukunft zu entwickeln, gestaltet sich jedoch für Familien überall auf der Welt schwierig – und ist bisweilen auch ein Tabu. Jede Generation hat ihre eigenen Vorstellungen, die sich nur schwer gegenüber den anderen ausdrücken lassen.

Zum Beispiel können ältere Generationen:

  • das Gefühl haben, dass sie allein durch Gespräche über das Vermögen den Jüngeren vermitteln, einen Anspruch darauf zu haben oder dass sie zu wenig Ehrgeiz entwickeln;
  • Bedenken haben, eines ihrer Kinder für die Leitung des Familienunternehmens auszuwählen, wo sie doch alle aus ihrer Familie gleichermaßen lieben;
  • sich Sorgen über die finanziellen Folgen einer Scheidung ihrer Kinder machen;
  • sich Gedanken darüber machen, ob ihre Kinder dem Familienunternehmen schaden könnten, indem sie es in eine neue und andere Richtung lenken;
  • die Kontrolle behalten wollen; und
  • sich fragen, wie angeheiratete Verwandte auf das Vermögen reagieren können.

Jüngere Generationen stellen sich ebenfalls ihre Fragen:

  • Können sie den hohen Ansprüchen durch den Erfolg ihrer Eltern/Familie gerecht werden?
  • Wie können sie ihren Eltern sagen, dass sie eine andere Karriere einschlagen und nicht in das Familienunternehmen oder Family Office eintreten wollen?
  • Wie werden sie mit anderen Familienmitgliedern zusammenarbeiten?
  • Werden die Führungskräfte im Unternehmen oder Family Office sie respektieren?

Die Suche nach einer Lösung kann sich über mehrere Monate oder Jahre hinziehen, wobei sich alle Generationen einbringen müssen:

  • in eine Diskussion, um eine gemeinsame Vision und gemeinsame Werte zu schaffen; und
  • in die Planung, wie sie das gemeinsame Vermögen in der Zukunft verwalten werden;
  • wie sie ihre Beziehungen innerhalb der Familie weiter ausbauen; und
  • wie die jüngeren Generationen vorbereitet werden.

Dies ist ein kontinuierlicher, sich ständig verändernder Prozess. Einige Familien schreiben ihre Beschlüsse in Form einer Familienverfassung nieder, die keine rechtsverbindliche Vereinbarung ist, sondern eine Art „Familienpakt“, der Klarheit schafft und Leitlinien für die Zusammenarbeit enthält.

Kultur prägt die Kommunikation

Nach den Ausführungen von Grubman und Jaffe in Cross Cultures: How global families negotiate change across generations3 spielt die Kultur bei familieninternen Debatten über das Vermögen eine wichtige Rolle. Auch unsere Erfahrung zeigt, dass verschiedenen Kulturkreisen kommunikative Besonderheiten und Vorgehensmuster innewohnen.

In bestimmten Regionen der Welt, in denen eine Generation schnell Wohlstand geschaffen hat, vermeidet diese bspw. oft die Diskussion darüber, was damit geschehen soll. Häufig befürchtet sie, dass ihr rasch aufgebautes Vermögen ebenso schnell wieder verloren geht.

Je nach Kulturkreis können die Personen, die sich an den Gesprächen beteiligen, unterschiedlich sein. Im Nahen Osten und in Asien beispielsweise wurden Frauen traditionell nicht in finanzielle Entscheidungen einbezogen. Es wurde davon ausgegangen, dass sie in eine andere Familie einheiraten und dadurch Teil ihrer neuen Familie würden. Dies ändert sich jedoch, da viele Familien nur Töchter haben, die überdies hoch qualifiziert und ehrgeizig sind.

Kultur beeinflusst auch, wie Diskussionen geführt und Entscheidungen getroffen werden. In den Gesellschaften in Nordamerika, West- und Nordeuropa und Australien zum Beispiel dürfen erwachsene Familienmitglieder erwarten, bei Diskussionen mit älteren Generationen gleichberechtigte Teilnehmer zu sein und ihre Meinungsverschiedenheiten offen zum Ausdruck bringen zu können. In anderen Kulturen ist die Generationenhierarchie wichtig, und der Respekt vor den Älteren muss gewahrt bleiben. Die letzte Entscheidung wird auch von den Älteren getroffen oder muss von ihnen abgesegnet werden.

Kultur kann auch die Art der Kommunikation prägen. So ist beispielsweise in vielen ost-, südeuropäischen und südamerikanischen Kulturen die Verständigung indirekt, nuanciert und kann vage erscheinen. Auf diese Weise werden Hierarchien und Beziehungen geachtet und Meinungsverschiedenheiten führen zu keiner Konfrontation oder Verlegenheit. In Nordamerika, Nordeuropa und Australien dagegen wird unter effektiver Kommunikation weitgehend eine direkte und klare Sprache verstanden, was das Vertrauen fördert.

In einer globalisierten Welt ist es nicht verwunderlich, dass die von uns betreuten Familien bei der Planung der Vermögensübertragung die unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten als gegenseitige Bereicherung ansehen. Ob jüngere Generationen, die an ausländischen Universitäten studieren, oder Unternehmerfamilien, die an unterschiedlichen Standorten verstreut leben – sie alle werden zwangsläufig durch die jeweilige Art zu kommunizieren und Entscheidungen zu treffen beeinflusst.

Man denke nur an den zweiten Sohn einer indischen Unternehmerfamilie, der mit dem Patriarchen über eine Führungsrolle sprechen möchte. Zwar weiß er, dass nach der Tradition diese Position seinem älteren Bruder vorbehalten ist. Der zweite Sohn glaubt jedoch, besser qualifiziert zu sein als sein Bruder, zumal er eine Ausbildung an der Wharton Business School absolviert hat.

Ein weiteres Beispiel ist die kommunikative Herausforderung, der sich die dritte Generation einer chinesischen Unternehmerfamilie aus Hongkong mit Niederlassungen in Italien, den USA und Shanghai gegenübersieht. Aufgrund der räumlichen Distanz haben sie nicht viel Zeit miteinander verbracht und die Kultur angenommen, in der sie jeweils aufgewachsen sind. Nun treffen sie sich, um zu überlegen, wie sie ihre kulturellen Ansichten und Einflüsse in Einklang bringen können, um ihr gemeinsames Vermögen zu verwalten.

Was bedeutet das für die Vermögensplanung? 

Der Verlust von Vermögen und familiären Bindungen in Zeiten des Generationenwechsels ist ein globales Problem. Studien zeigen, dass erfolgreiche Familienunternehmen neben geschäftlichen Innovationen und der angemessenen Verwaltung von Finanzanlagen auch eine Strategie für die Family Governance benötigen. Mithilfe eines Plans können Familien Kapazitäten aufbauen und bestimmte Familienmitglieder auf die Aufgaben eines Vermögenshüters für künftige Generationen vorbereiten. Dieser Prozess beginnt mit dem Austausch und der Diskussion sowie der Festlegung, wie Entscheidungen gemeinsam getroffen werden sollen. Dabei gibt es nicht nur den einen Weg. Vielmehr muss das Verfahren jeweils an die Bräuche in der Familie angepasst werden, die sich mal eher durch die Herkunft, mal eher durch eine Kombination von Kulturen bestimmen.

 

 

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